Prozessschutz oder Waldumbau? Das Konkurrenzverhalten von Fichte und Buche als ökologische Grundlage für die Waldentwicklung in einem Buchen-Nationalpark in Rheinland-Pfalz


Uni Göttingen , Abt. Waldbau und Waldökologie der gemäßigten Zonen, Az.: Göttingen 01/13

Durch jahrhundertelange Einflussnahme hat der Mensch in Mitteleuropa die Baumarten-zusammensetzung von Wäldern teils drastisch verändert. Dies gilt auch für das Gebiet des zukünftigen Nationalparks Hunsrück, in dem auf 37 % der Fläche die Fichte bestandesbildende Baumart ist. Insbesondere diese oft strukturarmen und nicht standortheimischen Fichtenforste anstelle der natürlichen Buchenwälder entsprechen nicht den geltenden Anforderungen an Nationalparks hinsichtlich der Naturnähe der Ökosysteme. Dies führt zu einer Einordnung in die sogenannte Management-Kategorie der IUCN Schutzgebiets-kategorie II. Eine endgültige internationale Anerkennung dieser stark anthropogen beeinflussten Gebiete als Nationalparks bedingt jedoch ein Entlassen von mindestens 75 % des Gebiets in den Prozessschutz nach spätestens 30 Jahren.

Um naturnähere Zustände möglichst schnell zu erreichen, werden in den bisher bestehenden deutschen Nationalparks mit ähnlicher Problematik unterschiedliche Renaturierungsmaßnahmen durchgeführt. Beim Prozessschutz, der unter dem Motto „Natur, Natur sein lassen“ wesentlicher Leitgedanke der Nationalparkidee ist, steht jedoch der Schutz dynamischer Prozesse und weniger der Schutz bestimmter Ökosystemzustände im Vordergrund. Es besteht somit ein Konflikt zwischen dem Ziel, natürliche Prozesse auch im Bereich der heutigen Fichtenforsten möglichst rasch ungestört ablaufen zu lassen und der Idee eines Waldnationalparks, in dem großflächig Buchenwaldgesellschaften als vorherrschende natürliche Vegetation unter Schutz stehen.


Zielsetzung und Methoden:


In der vorliegenden Ausarbeitung werden auf Basis umfangreicher Literaturauswertungen die ökologischen Merkmale von Fichte und Buche gegenübergestellt, die insbesondere für ihr Konkurrenzverhaltens entscheidend sind. Ziel ist es hierüber die Möglichkeiten und Grenzen des Prozessschutzes in Gebieten mit anthropogen bedingt hohem Anteil an strukturarmen und nichtstandortheimischen Fichtenforsten abzuwägen. Planungen, Maßnahmen und Erfahrungen aus den Nationalparken Bayerischer Wald, Harz und Eifel, die seit ihrer Gründung ebenfalls mit einer ähnlichen Problematik konfrontiert sind, werden vergleichend vorgestellt und in ihrer Übertragbarkeit auf die Situation des zukünftigen Nationalparks Hunsrück geprüft.


Ergebnisse:

Folgende Schlussfolgerungen bzw. Empfehlungen können abgeleitet werden:

  1. Hinsichtlich der Baumartenverteilung im Bereich des zukünftigen Nationalparks Hunsrück besteht eine günstige Ausgangslage für den Prozessschutz.
  2. Betrachtet man deren realisierte ökologische Nischen, wird die Buche langfristig deutliche Konkurrenzvorteile gegenüber der Fichte haben. In Kombination mit dem Klimawandel wird diese Benachteiligung der Fichte noch verstärkt.
  3. Störereignisse wie Windwurf und Borkenkäferbefall sollten als wesentliche Bestandteile der natürlichen Walddynamik gesehen werden und können hinsichtlich der Umwandlung strukturarmer Fichtenaltersklassen-Bestände durchaus positiv bewertet werden.
  4. Eine aktive Entnahme von Fichten oder anderer nicht standortheimischer Baumarten ist nur in Ausnahmefällen notwendig.
  5. Bereiche mit vorhandener Fichtennaturverjüngung sind weniger kritisch zu sehen, als dies in der Vergangenheit oft der Fall war.
  6. Ein umfassendes Wildmanagement-Konzept in enger Zusammenarbeit mit den angrenzenden Jagdrevieren außerhalb des Nationalparks ist zumindest in den ersten Jahrzehnten nach Gründung des Nationalparks unerlässlich.


Hinsichtlich des Ziels, naturnahe Buchwaldgesellschaften und deren natürliche, vom Menschen weitgehend unbeeinflusste Dynamik zu schützen, wird dort, wo Fichtenforste dominieren, der Weg des Prozessschutzes vor allem Zeit und Geduld brauchen. Ohne aktive Unterstützung muss die ungestörte Sukzession zunächst nicht direkt zu Buchenwäldern führen, sondern es sind auch verschiedene Sukzessionsstadien mit Beteiligung von Pioniergehölzen oder auch von Fichten nach dem Ende der vorhandenen Fichten-Altersklassenbestände möglich, in die erst allmählich die Buche einwandert. Dieser Weg würde jedoch in jedem Fall der kostengünstigere sein und dem Prinzip "Natur, Natur sein lassen" entsprechen.
Auf der anderen Seite kann der aktive Waldumbau deutlich schneller zum Ziel der IUCN-Anerkennung führen und auf „unsere“ Vorstellungen von der natürlichen, zonalen Wald-gesellschaft - also dem Buchenwald - ausgerichtet werden. Dieser Weg ist jedoch mit einem nicht unerheblichen finanziellen Aufwand verbunden und entspricht mit seinen Maßnahmen - wenn auch nur in einer relativ kurzen Initialphase - nicht dem Prozessschutzgedanken als wesentlichem Teil der Nationalparkidee.
Vorstellbar für den Nationalpark Hunsrück sind aber auch Mittelwege, wie z.B. die Freistellung und Förderung einzelner Buchen, die in "Fichtenwüsten" überdauert haben oder sich spontan einstellen. In jedem Fall ist ein effektives Schalenwildmanagement erforderlich. Dies gilt besonders für den aktiven Waldumbau, da dieser sehr hohe Investitionen erforderlich macht, die ein zu hohe Rot- und Rehwildbestände rasch zu einer Fehlinvestition werden lassen.