Bestimmung der Naturnähe über Standortsmerkmale, natürliche Waldgesellschaft und aktuelle Baumarten Zusammensetzung - Modelluntersuchungen im Naturwaldreservat Adelsberg-Lutzelhardt

Inst. für Waldbau, Abt. I, Uni Göttingen Az.: Göttingen 08/07

 

Zielsetzung:

Das Kriterium „Naturnähe“ stellt für den naturnahen Waldbau als auch für den Arten- und Biotopschutz im Wald eine wichtige Leitlinie dar. Abgesehen davon, dass der Begriff selbst unterschiedlich definiert wird, werden zur Bestimmung der Naturnähe unterschiedliche Indikatoren und Methoden herangezogen in zum Teil sehr komplizierten Ansätzen und fraglicher Praxistauglichkeit. Der hier versuchte Ansatz besteht in einem Vergleich zwischen der aktuellen Baumartenzusammensetzung und der aus den Standortverhältnissen abgeleiteten natürlichen Waldgesellschaft. Neben Vereinfachung ist auch Eindeutigkeit angestrebt.

 

Methoden:

Das Verfahren lehnt sich an eine im Harz durchgeführte Untersuchung an (Janßen et al. 2002) und stellt ein weiteres Beispiel für Naturnähe-Berechnung in Wäldern vor.
Die Datengrundlage der vorliegenden Untersuchung bilden wald- und standortskundliche Erhebungen an Rasterpunkten (100 m x 200 m) des 400 Hektar großen grenzüberschreitenden Naturwaldreservates Adelsberg-Lutzelhardt im Zeitraum 2004 bis 2006. Zur Bestimmung der Naturnähe wurde zweistufig vorgegangen: Im ersten Schritt wurden wichtige standortskundliche Parameter aus der Datenbank des Reservates ausgelesen und tabellarisch zusammengestellt. Jedem Probekreis wurde nach Prüfung seiner standörtlichen Charakteristik die für diesen Standortstyp postulierte natürliche Waldgesellschaft (D.h. die entsprechende Einheit der potentiellen natürlichen Vegetation) zugewiesen. Im zweiten Schritt wurde die aktuelle Baumartenzusammensetzung eines jeden Probekreises mit der idealisierten Baumartenzusammensetzung der postulierten natürlichen Waldgesellschaft verglichen und daraus ein prozentualer Naturnähegrad abgeleitet.

 

Ergebnisse:

1. Schritt: Die Bestimmung der natürlichen Waldgesellschaft führte über standörtliche Zuordnungskriterien (Wasserhaushalt, Bodentyp, Substratreihe, Streuauflage usw.) nur zu einer schwachen standörtlichen Differenzierung und daher zur Ausscheidung von nur drei Subassoziationen innerhalb der Waldgesellschaft des Luzulo-Fagetums (L-F): L-F leucobryetosum / vaccinietosum, L-F typicum und L-F galietosum. Die hauptbestimmende Baumart ist zu ca. 95% die Buche, die Nebenhauptbaumart zu etwa 5 % die Eiche (meist Traubeneiche).
Am häufigsten, nämlich zu 79 % , befinden sich die Stichprobenpunkte in der Ausprägung des Luzulo-Fagetum  typicum, zu 18 % in der Ausprägung des Luzulo-Fagetum leucobryetosum / vaccinietosum und nur zu 3 % in der Ausprägung von Luzulo-Fagetum galietosum.

2. Schritt: Der Abgleich der aktuellen Baumartenzusammensetzung der Bestände mit der potentiell natürlichen Vegetation führte zur Bestimmung des prozentualen Naturnähegrades, der einerseits aus den Grundflächenanteilen, andererseits aus den Volumenanteilen abgeleitet wurde. Der erstere liegt durchschnittlich um 2,1 % höher als der volumenbasierte, was auf das überproportional zahlreichere Vorkommen kleinwüchsiger Bäume der potentiellen natürlichen Vegetation (vor allem Buchen) zurückzuführen ist.
Die Einteilung und Zuordnung zu Naturnähegraden nach Janßen (2002), die sich zwischen sehr natürlich (mehr als 95 % Baumartenanteil der natürlichen Waldgesellschaft) und kulturbeeinflusst (weniger als 25 % Baumartenanteil der natürlichen Waldgesellschaft) bewegt führte zu folgendem Ergebnis: Nur ein Probekreis entsprach der Kategorie „sehr natürlich“ und nur wenige der Kategorie „natürlich“ und „teilweise natürlich“. Die vorwiegende Mehrheit (71 %) war der Stufe  „kulturbeeinflusst“ zuzuordnen. Ursache sind vor allem die anthropogen bedingten Baumartenanteile: Während die Buche natürlicherweise  zu 95 % Anteil zu erwarten gewesen wäre besitzt sie derzeit nur 16 % Anteil. Die Eiche, die als Nebenbaumart höchstens 5 % erreichen würde, besitzt derzeit 35 %. Hinzu kommen außerdem Baumarten wie Kiefer (35 %), Fichte (9 %) und Douglasie (2 %), deren Vorkommen als kulturbeeinflusst gewertet werden.

3. Als Perspektive für eine weitere Entwicklung der Wälder wird insbesondere das sehr vitale Verjüngungsverhalten der Buche festgestellt: Denn mit nur wenigen Ausnahmen (Douglasien- und Fichtenreinbestände) werden überall relativ hohe Stetigkeiten und Deckungsgrade der Buche sowohl in der Strauchschicht als auch in der Krautschicht beobachtet und damit vor allem eine Entwicklung in Richtung der potentiellen natürlichen Vegetation angezeigt.