Einfluss von Feinerschließungssystemen (Rückegassen) auf Vegetation und Boden (Literaturübersicht und Auswertung eigener Untersuchungen)
 
Institut für Waldbau, Abt. I, Uni Göttingen Az.: Göttingen 03/ 04


Zielsetzung:

Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es, in Wäldern mit unterschiedlichen standörtlichen Voraussetzungen und Bestandestypen die Wirkung der Anlage und Befahrung von Rückegassen auf die Vegetation zu prüfen.

Über das Auftreten bestimmter Indikatoren (indirekt) und mit der Messung wichtiger Standortsfaktoren (direkt) soll abgeklärt werden, welche Ursachen für mögliche Veränderungen in der Vegetation verantwortlich sind. Schließlich sollen Aussagen zur Störungsintensität und zur Regenerationsfähigkeit der Vegetation auf Rückegassen getroffen werden.

Methode:

Die Untersuchungen fanden im Göttinger Wald und im Solling statt in Höhenlagen zwischen 300 und 400 Meter über N.N. Die potenziell natürliche Vegetation ist im Göttinger Wald das HORDELYMO-Fagetum, im Solling LUZULO-Fagetum.

Im Göttinger Wald wurden 11 Rückegassenabschnitte in einem Buchen-Edellaubbaum-Mischbestand, im Solling 11 Rückegassen in Buchenbeständen und 8 Rückegassen in Fichtenbeständen untersucht. Die meisten dieser Rückegassen sind in den vergangenen 2 Jahrzehnten angelegt worden und haben 1 bis 2 Eingriffsbefahrungen pro Jahrzehnt. Die Rückegassen wurden frisch befahren und werden entsprechend der Störungsintensität in 3 aneinander angrenzende Bereiche untergliedert:

  • Fahrspur
  • Mittelstreifen (zwischen den Fahrspuren)
  • Seitenstreifen (bis zu den Randbäumen)

Hinzu kommt im Abstand von 5m eine unbefahrene Bestandesfläche als Referenz. Weitere Erhebungen wurden an 21 Rückegassen mit länger zurückliegender Befahrung (25 Jahre)  sowie auf 15 Rückegassentransekten mit 15 bis 30 Jahre zurückliegender Befahrung gemacht.

Die Vegetation wurde nach Arten und Deckungsgrad erfasst. Der Anteil des offenen, nicht von der Grenzschicht und einer Schlagraummatte überdeckten Mineralboden wurde geschätzt. Lagerungsdichte mit Luftpermeabilität wurde zur Einschätzung der Lagerungsdichte erfasst. Trockenraumdichte und PH-Wert wurden aus den obersten 0 bis 5 Zentimeter des Mineralbodens bestimmt. Der Lichtgenuss wurde mit P A R-Lichtsensoren gemessen und als relative Beleuchtungsstärke im Verhältnis zur Freilandstrahlung errechnet.

Ergebnisse:

Die Nutzung der Rückegassen führt zu weitreichenden Störungen der Wälder, die sich in der Artenzusammensetzung der Vegetation auf den Rückegassen deutlich niederschlägt: Viele Arten, insbesondere charakteristische Kenn- und Trennarten der Wälder gehen in den verschiedenen Bereichen der Rückegassen in unterschiedlichem Maß zurück. An ihre Stelle treten besonders in den Buchenwäldern Störungszeiger und Offenlandarten, die den angrenzenden Beständen weitgehend fehlen. Mit den Veränderungen der Artenzusammensetzung einher geht ein leichter, auf den Seitenstreifen der Buchenwälder signifikanter Anstieg der Artenzahlen in der Krautschicht. Ursachen liegen dabei weniger in der Veränderung der Standortseigenschaften wie Lichtgenuss, Bodenreaktion oder Stickstoffhaushalt, als vielmehr in dem Auftreten von Störungen bis zur völligen Vernichtung von Waldbodenpflanzen. Ruderalarten sind an diese Störungen vor allem deshalb besser angepasst, weil sie sich zumeist aus der Samenbank rasch regenerieren können. Dementsprechend spielt die Freilegung des Mineralbodens eine größere Rolle mit einer entsprechenden Förderung der Keimung und Etablierung von Störungszeigern als die negativen Wirkungen durch Bodenverdichtung, Vernässung oder Reduktion der Stickstoffversorgung. Im Vergleich zu Waldwegen wird in Rückegassen das Kronendach nur geringfügig aufgelichtet. Die Strahlenbedingungen für die Waldbodenvegetation werden daher stärker durch das Transmissionsverhalten der herrschenden Baumarten als durch die Anlage einer Rückegasse geprägt.

Die Regenerationsfähigkeit der Vegetation in Fahrspuren von Rückegassen wurde durch echte und unechte Zeitreihen über einen Zeitraum von 5 beziehungsweise 10 bis 25 Jahren abgeschätzt. Danach nehmen in Buchenwäldern Waldarten nach der letzten Befahrung kontinuierlich wieder zu, während in den Fichtenwäldern auch fünf Jahre nach der letzten Befahrung noch zahlreiche Störungszeiger vorkommen. Ursache ist vermutlich die dichte Reisigstreumatte, die in den Fichtenwäldern für ein verzögertes Auftreten von Offenlandarten (Störungszeigern) sorgt und die Regeneration der Waldvegetation über lange Zeit hemmt. Auch bei weitgehend regenerierter Bodenvegetation blieb die Bodenverdichtung in ehemaligen Fahrspuren in Buchenwäldern noch deutlich messbar. Auf Grund der starken Vegetationsveränderungen und der langsamen Regeneration ist aber ein permanentes Rückegassensystem auf jeden Fall einem unkontrollierten, flächigen Befahren der Wälder vorzuziehen. Damit sollen kurzzeitig aufeinander folgende Störungen, an die viele typische Waldarten nicht angepasst sind, auf Teilflächen in Wäldern begrenzt werden.